Vorwort

zu: "Reframing. Ein ökologischer Ansatz in der Psychotherapie"

Bandler, Grinder, Junfermann-Verlag, 1985

Aus vielen Gesprächen mit Fachkollegen und aus meiner vierjährigen Erfahrung in der Vermittlung der Interventionsmuster des von den Autoren entwickelten Neurolinguistischen Programmierens (NLP) - insbesondere der individuumsbezogenen Reframingmodelle - ist mir eine bestimmte Haltung interessierter Fachkollegen sehr bekannt: Sie sind eingelesen in die Arbeiten von Bandler und Grinder, sind skeptisch-neugierig, haben sich erfrischen lassen von deren unorthodoxen bis provokanten Stil - und: haben große Schwierigkeiten mit dem ausgewiesenermaßen atheoretischen, pragmatischen Charakter der NLP-Handlungsmodelle. Anders als ihre amerikanischen Kollegen brauchen sie, wie mir scheint (ich schließe mich selbst dabei ein), in aller Regel für eine kongruente Aneignung und Anwendung der dann äußerst effektiven Interventionsformen so etwas wie eine geistige Heimat - einen theoretischen Bezugsrahmen für das eigene Tun und Denken, oder zumindest doch die Gewißheit, einzelne Bezüge in ein kohärentes theoretisches "Glaubenssystem" einordnen zu können.

Ein für eine kongruente Arbeit mit den Reframingmodellen nützlicher Rahmen ergibt sich aus einem expliziten Rückbezug der Struktur der den therapeutischen Kontext der NLP-Reframingmodelle konstituierenden metaphorischen Realität auf die entsprechenden Realitäten im gruppentherapeutischen Vorgehen Virginia Satir's und in der Trancearbeit Milton Erickson's.

Ein solcher Strukturvergleich der therapeutischen Kontexte soll im folgenden vor allem die Satirsche "Familienrekonstruktion" betreffen. Ebenso grundlegend für ein Verständnis der Reframingmodelle wäre ein entsprechender Strukturvergleich mit der Erickson'schen Trancearbeit, der hier aus Platzgründen jedoch nur in einem, dem wohl wesentlichsten Punkt vorgenommen werden soll: 

Im Reframingprozess ebenso wie in der Ericksonschen Trancearbeit findet die Veränderungsarbeit mit Individuen im wesentlichen innerhalb einer "metaphorischen Realität" statt, die den therapeutischen Kontext konstituiert und vom Therapeuten entsprechend seinem Glaubenssystem verbal und nonverbal kongruent etabliert wird. Mit dieser metaphorischen Realität wird die therapeutische Situation als triadische definiert: Das Bewußtsein des Klienten, sein Unbewußtes (insgesamt bzw. in seinen jeweils relevanten Teilen) und die Person des Therapeuten bilden ein veränderungswirksames triadisches System, in dem jedes Element als Entität die Interaktionen der beiden anderen initiiert, schützt und fördert.

Bei aller Verschiedenheit der Veränderungsarbeit Satir's und Erickson's sind sie doch in dieser triadischen Grundstruktur identisch, denn auch die wesentlichen Veränderungen im Satir'schen Vorgehen finden in Interaktionen zweier Personen statt, die sie als dritte initiiert, schützt und fördert.

Dieses grundlegende Strukturmerkmal des innovativen Vorgehens Satir's und Erickson's findet sich, dialektisch aufgehoben, in den NLP-­Reframingmodellen wieder: Die Interventionen des Therapeuten in dieser triadischen Konstellation sind beschreibbar als in einem doppelten, systemischen Feedbackbezug generiert, korrigiert und validiert. Sie schützen damit maximal die Integrität der beteiligten Personen und wahren so die Ökologie der Systeme - sowohl des Systems, das der Therapeut "behandelt", als auch desjenigen, das er im Akt der "Behandlung selbst mit konstituiert.

Die den therapeutischen Kontext des Reframingprozesses konstituierende metaphorische Realität ist in ihrer Struktur zusätzlich definiert durch die "psychotische Wahnwelt", die der Therapeut dem Klienten als neue Wirklichkeitsauffassung zur adäquateren Erfassung seiner gegenwärtigen Person vermittelt und im Verlaufe des Prozesses durch die Einbeziehung (optimalerweise) aller verbalen und nonverbalen Äußerungen des Klienten verfeinert, stabilisiert und für die Veränderungsarbeit utilisiert. Sie bietet dem Klienten einen neuen Wahrnehmungsrahmen für das dissoziierte Erleben, das ihn in die Therapie führte (Symptome, Problemverhaltensweisen und Inkongruenzerlebnisse in Handlungsabläufen und Zukunftsentwürfen). Als Metapher, die der Klient in den Trancephasen des Reframingprozesses mit bedeutsamem, szenischem Material eigener Beziehungserfahrungen auffüllt und gleichzeitig zur Restrukturierung desselben benutzt, enthält diese "Wahnwelt" im wesentlichen folgende Strukturelemente:

Der Klient als Person-Ganzheit ist systemisch organisiert. Die Elemente des Systems sind sein Bewußtsein und die Teile seines Unbewußten. (Das "Bewußtsein" des Klienten als sich selbst erkennendes und transzendierendes ist in strukturell isomorpher Weise als doppeltes konzipiert, ebenso wie in der Familienrekonstruktion der Protagonist, der sich im rollengespielten Stellvertreter wiedererkennt und über sich selbst hinauswächst.) Die Teile seiner Person auf der unbewußten Ebene sind definiert durch den jeweiligen Entwicklungsstand ihres kontextabhängigen Fähigkeitenrepertoires (die unbewußt initiierten und sequenzierten Verhaltensanteile der Person in bestimmten wiederkehrenden Situationen ihres Lebens) und vor allem durch ihre positiven Funktionen im systemischen Ganzen der Person. Das Bewußtsein kennt in aller Regel die unbewußten Teile nur vermittelt über das abgelehnte "Wie" (wie sie etwas Bestimmtes tun) und nicht in ihren positiven Absichten und Zielen, also nicht in ihrem systemischen Eingebundensein. Letzteres ist um so mehr der Fall, je unversöhnlicher der Klient mit sich selbst in bezug auf sein Problemverhalten umgeht. Die unbewußten Teile, gerade auch die, die für das Problemverhalten zuständig sind, "tun das Beste, was sie können", um ihre positiven Absichten umzusetzen und die Funktionen zu erfüllen, für die sie im Leben des Klienten die Verantwortung übernommen haben. Die mit dem nicht akzeptierten "Problemverhalten" für das Wohl des Klienten arbeitenden Teile seines Unbewußten stehen in einem Hierarchieverhältnis zu seinem Bewußtsein: Sie sind mächtiger und verfügen über ein Mehr an Information - sowohl als Grundlage für die Entscheidung, wann genau es an der Zeit ist für das Problemverhalten, als auch bezüglich seiner positiven Schutz- und Ermöglichungsfunktion (d. h. seiner "sekundären Gewinne") im systemischen Ganzen der Person (d. h. im Gesamt der gegenwärtigen situativen Kontexte, in denen die Person sich internal und external verhält).

Die metaphorische Realität, die den therapeutischen Kontext der Satir'schen Familienrekonstruktion (als intensive "Tranceeinzelarbeit" in der Gruppe) bildet, ist von isomorpher Struktur. Dem Protagonisten wird die Wirklichkeitsauffassung vermittelt, daß er durch eine intensive und extensive Auseinandersetzung mit seiner Herkunftsfamilie und den Herkunftsfamilien seiner Eltern ein neues und veränderungswirksames Verständnis seiner gegenwärtigen Person in ihrer ganzen Komplexheit erreichen wird. Die dann im Prozeß der Familienrekonstruktion aufgebaute, durch Einbeziehung (fast) aller verbalen und nonverbalen Äußerungen des Protagonisten verfeinerte, stabilisierte und zur Veränderungsarbeit genutzte metaphorische Realität ist durch folgende Strukturmerkmale charakterisiert: Die aus- und vorgelebte "Ursprungsfamilie" bildet eine systemische Ganzheit. Ihre Elemente sind der rollenspielende Stellvertreter des Protagonisten, der letzteren zumeist im kindlichen Alter darstellt, und die ebenfalls durch Rollenspieler dargestellten signifikanten Bezugspersonen der Ursprungsfamilie(n).

Bei aller oft verblüffenden, manchmal bis ins Detail somatischer Symptome reichenden systemischen Ähnlichkeit mit der "echten" Ursprungsfamilie ist die gespielte Ursprungsfamilie doch immer nur eine metaphorische Abbildung derselben - und gleichzeitig (vermittelt durch die Projektions- und Übertragungsdynamik in den Entscheidungsprozessen des Protagonisten zur Auswahl der einzelnen Rollenspieler) auch eine Metapher für die gegenwärtige Beziehungssituation des Protagonisten. Weitere Strukturmerkmale dieser "dramatisierten" Metapher, die der Protagonist in den Trancephasen des beobachtenden, identifikatorischen Mitvollzuges des Rollenspiels mit weiterem, vorher nicht externalisiertem szenischem Material der eigenen Beziehungserfahrungen auffüllt und zur Restrukturierung desselben benutzt, sind folgende: Die beteiligten Personen tun vor dem Hintergrund ihrer Möglichkeiten (d. h. ihrer systemischen Eingebundenheit) und ihrer vorhandenen Fähigkeiten das Beste, um bestimmte positive Funktionen im systemischen Gesamt der "Ursprungsfamilie" entsprechend der von ihnen akzeptierten Verantwortlichkeit zu erfüllen. Das gilt insbesondere für die Personen, deren konkretes Verhalten der Protagonist - zumindest zu Beginn des Prozesses - problematisch und/oder nicht akzeptabel findet. Letztere sind in der Regel die Personen, die mächtiger sind (Generationsgefälle) und über mehr bzw. explizitere Information verfügen als er, sowohl was ihr Eingebundensein in den systemischen Gesamtzusammenhang, als auch was ihre positiven Absichten betrifft.

Im Verlaufe des Prozesses lernt der Protagonist, das Verhalten der betreffenden Bezugsperson innerhalb eines Rahmens wahrzunehmen, der durch die neu wahrgenommene positive Absicht und durch das explizite Wissen um die durch das funktionell-systemische Eingebundensein bedingten Verhaltensnotwendigkeiten und -einschränkungen gegeben ist. Die Neuorganisierung intrapsychischer Repräsentationen, die in den Trancephasen des Mitvollzuges und vor allem auch in den direkten Begegnungen mit den Rollenspielern "Vater", "Mutter- etc. zustande kommt (die Rollenspieler bleiben in der Rolle, während sie dem Protagonisten seine an die Originalperson gerichteten Fragen beantworten, und tragen dadurch dazu bei, dessen Trance aufrechtzuerhalten, zu reinduzieren bzw. zu tiefen), führt zu intensiven Versöhnungserlebnissen des Protagonisten mit seinen realen Bezugspersonen, die er in der metaphorischen Realität halluziniert.

Ebenso wie die therapeutischen Kontexte des Reframing (besonders des 6-Schritt-Modells) und der Familienrekonstruktion in ihren metaphorischen Realitäten isomorph sind, sind auch die Prozesse, die der Klient bzw. der Protagonist durchläuft, in ihren Phasen sehr ähnlich: Wachbewußte, "linkshemisphärische" Zustände (in den Phasen des Informationsaustausches während der Etablierung und Verfeinerung der mit dem Therapeuten geteilten "Realität") wechseln sich ab mit den Trancephasen der individuellen, intim-biographischen Sinnverarbeitung und Bedeutungstransformation sowie einem intensiven Wechsel im physiologischen Zustand, den Bandler und Grinder (bezogen auf das inhaltliche Reframing) den Wechsel von sympathikusaktivierter zu parasympathikusaktivierter Physiologie nennen. Da dieser Wechsel im Reframingprozeß genau in dem Moment auftritt, in dem der Klient die positive Funktion eines vormals abgelehnten, entwerteten und bekämpften Teiles von sich selbst annimmt oder sich explizit bewußt macht, nenne ich diesen Wechsel (um damit den grundlegenden Einfluß Virginia Satirs auf die Entstehung der enorm veränderungswirksamen NLP-Reframingmodelle zu würdigen) die "Versöhnungsphysiologie". Sie ist, genau wie im Veränderungsprozeß der Familienrekonstruktion und der "Parts-Party" Satir's, sowohl das Ziel als auch die Vorbedingung eines effektiven Reframingprozesses: Sie ist die physiologische Grundlage für ein effektives Neulernen in beiden therapeutischen Kontexten, sowohl auf der bewußten Ebene (wenn im 6-Schritt­Modell die Absichten des für das Problernverhalten zuständigen Teiles bewußt werden oder wenn Virginia Satir den Protagonisten nach dem Versöhnungserlebnis auffordert: "How would you teach them to do better?") als auch auf der unbewußten Ebene (in den Tieftrancephasen des 6­Schritt-Reframing, wenn nicht alle Absichten bewußt werden, und ebenso in den nicht bewußt, d. h. explizit-verbal ausgewerteten Tieftrancephasen des Protagonisten in der Familienrekonstruktion).

Der durch diesen Strukturvergleich näher gerückte Bezugsrahmen soll hier nur in Form einer Annahme und einiger Fragen angedeutet werden: Veränderungsprozesse vollziehen sich in den Tranceperioden, die die von Therapeut und Klient geteilte metaphorische Realität ermöglichen. Bedeutet das, daß sich der Protagonist innerhalb der "Realität" der Rollenspielfamilie mit den tatsächlichen Bezugspersonen seiner Vergangenheit versöhnt? Oder bedeutet letzteres als Metapher innerhalb einer Metapher, daß er sich mit den "Übertragungs- und Projektionspersonen" seiner Beziehungsgegenwart versöhnt? Oder bedeutet es auf einer zusätzlichen parallelen Ebene im metapherverarbeitenden Sinngebungsprozeß des Protagonisten, daß er sich mit Teilen seiner eigenen Person versöhnt? Legt die Isomorphie der Metapherstruktur der Familienrekonstruktion und der des Reframing nahe, daß der Klient in den Trancephasen des Reframing nicht nur Teile von sich selbst neu zu akzeptieren lernt und alternative Verhaltensstrukturen entwickelt, sondern sich auch (i. S. einer "intrapsychischen Familientherapie" mit Personen seines vergangenen und gegenwärtigen Beziehungssystems versöhnt und dadurch in der Lage ist, neue Verhaltensweisen hervorzubringen, die dann in den entsprechenden Interaktionen den gegenwärtigen Bezugspersonen ebenfalls neue Verhaltensweisen zur Umsetzung ihrer positiven Absichten ermöglichen?

Ein expliziter, die Grundstrukturen und nicht bloße Einzeltechniken betreffender Rückbezug der NLP-Reframingmodelle auf die in sich schon innovativen und umwälzenden Vorgehensweisen Satirs und Ericksons bietet zusätzlich einen Wahrnehmungsrahmen, der die genial-kreative Leistung von Bandler und Grinder in der Verdichtung der grundlegenden Strukturmerkmale des Vorgehens von Satir und Erickson zu den NLP-Reframingmodellen erst deutlich werden läßt: Die NLP-Reframingmodelle ermöglichen eine präzise, explizit ökologische und systemische Trancearbeit in der Einzeltherapie und ebnen damit den Weg zu einer handlungsrelevanten Konzeptualisierung der "Dialektik von Individuum und System".

Thies Stahl, Hamburg (heute: Quickborn)         Zurück zu www.ThiesStahl.de