Herzlichen Glückwunsch, Frau Rosenfeld! 

Leserbrief an MultiMind zum Artikel "Eigenverantwortung im Coaching" von Evelin Rosenfeld  (im Heft 1 2004)

Ich dachte erst, Sie und Ihre Klienten seien zu bedauern, dass Sie NLP nur als "geschlossenes Gedankenkonzept" kennen lernen durften und nun gänzlich unerfahren darin sind, Konzepte und Vorgehensweisen des NLP "zur Förderung von Eigenständigkeit, Eigenverantwortung und der Entfaltung persönlichen Potenzials" zu erleben oder gar selbst einzusetzen. 

Aber dieser Umstand hat es Ihnen ja schließlich ermöglicht, heute nach einem "eigenen Konzept" zu arbeiten, welches nicht nur ganz ohne eine "konzepteigene Terminologie" auskommt (nebenbei, Frau Rosenfeld, was heißt eigentlich "Personal Empowerment"?) sondern auch auf jede "aktive Mitgestaltung" von Seiten des Coaches verzichten kann. 

Gut das Sie mich daran erinnern. Ich hätte schon damals, Mitte der 70er Jahre, noch als Gesprächstherapeut und schon lange, bevor ich Gestalt-, Hypnose- und Familientherapeut wurde und NLP und Systemische Strukturaufstellungsarbeit lernte, wissen können, wie einfach im Grunde die beraterisch-therapeutische Arbeit ist. Ich hatte wahrscheinlich nur nicht den Mut, mich als Coach ausschließlich auf eine "fragende oder rekapitulierende Rolle" zu beschränken und der eigenen Lust, Veränderungs-Prozesse mitzugestalten, so ethisch-resolut entgegen zu treten, wie Sie dazu vorbildlich in der Lage sind. 

Sie zeigen uns den richtigen Weg: Wenn man es nur wirklich aufrichtig will und es sich nur ganz fest vornimmt, sich im Coaching auf Fragen und Rekapitulationen zu beschränken, ist der Klient gegen jede Manipulation durch seinen Coach geschützt. Gut, Frau Rosenfeld, dass Sie das für uns alle noch einmal unmissverständlich klar gemacht haben: Es genügt der Vorsatz, nicht zu manipulieren, und schon hat man alle Prozesse im Griff, die in einem selbst und in der Interaktion mit dem Klienten dazu führen könnten, dass man, z.B. vermittelt über Präsuppositionen in den eigenen Fragen und Paraphrasierungen, sein Gegenüber inhaltlich leadet oder gar manipuliert. 

Dank Ihres Artikels ist mir jetzt klar, wie töricht es war, in den letzten 25 Jahren versucht zu haben, so viel wie möglich über inhaltliche und strukturelle Manipulation zu lernen, um zwischen unzulässig-inhaltlicher Einmischung und aktiv-effektiver Prozessgestaltung unterscheiden zu können. Sie konnten mir jetzt eindrucksvoll klar machen, dass die moralisch feste Deklaration "Ich manipuliere nicht!" genügt hätte, um allen bewussten und unbewussten Beeinflussungs-Versuchungen zu widerstehen, die mir damals, als fragender und spiegelnder "nicht-direktiver" Therapeut an mir selbst und an Kollegen aufgefallen sind - und die mich, vor dem Hintergrund der mir durch Ihren Beitrag nun Dem-Himmel-Sei-Dank doch wieder abwegig vorkommenden Annahme, man könne nicht n i c h t manipulieren, dazu gebracht haben, mir durch ein jahrzehntelanges Wahrnehmung- und Sprachgebrauchstraining die Option erarbeiten zu wollen, ethisch-verantwortlich, da prozessbezogen beeinflussen (= strukturell manipulieren) zu können. 

Ich bin sicher, ich spreche für viele unserer Coach-Kollegen: "Wir sind stolz auf Sie!" Sie sind im Begriff, uns mit Ihrem "eigenen Konzept" den Weg zu weisen. Bestimmt werden Sie genug "personal power" für den schwierigen Versuch haben, Ihr ganz ohne "eigene Terminologie" auskommendes Vorgehen zu beschreiben. Wir dürfen alle gespannt auf Ihr Buch sein, in dem Sie das große Rätsel auflösen: Wer empowert (ermächtigt?) bei diesem Personal Empowerment-Coaching wen auf welche Weise? Wer powert was wo wie und warum rein? Wer ist wie in der Lage, wem und auf welche Art, welche wie wahrgenommene Power zu geben, zu verleihen oder in sich entstehen zu lassen? Und wie macht das der Coach, während er sich gleichzeitig jeder aktiven Mitgestaltung enthält?

Es bleibt nur zu hoffen, dass diese für die verirrte NLP-Gemeinde so wertvollen Hinweise in ihrer Wirkung nicht etwa dadurch noch abgeschwächt werden, dass Frau Pásztor plötzlich entdeckt, dass sich, während sie schlief, ein abgelehntes Manuskript aus ihrer Ablage gelöst hat und dann als Ihr letzter MultiMind-Artikel viele von uns, zum Beispiel mich, ganz persönlich, sehr empowert hat. 

Mit geläuterten Grüßen, nun wieder auf dem richtigen Weg (von 1975) 

Thies Stahl 


Hier die drei Absätze aus dem Rosenfeld-Artikel, die Anlass für meinen Leserbrief waren:

Ebenso ungeeignet zur Förderung von Eigenständigkeit, Eigenverantwortung und der Entfaltung persönlichen Potenzials ist die Anwendung von geschlossenen Gedankenkonzepten wie z.B. NLP, Avatar, Silva Mind Control u.a., aber auch aus freud’schen Gedanken hergeleiteten Auffassungen (hierzu zähle ich z.B. auch Hellinger). Bei dieser Einschätzung liegt die Betonung deutlich auf der Handhabung der zitierten Konzepte. Solange Methoden als Technik vermittelt werden und nicht das ganze, dem Konzept zugrunde liegende Glaubens- und Wertekonglomerat, habe ich keine Bedenken.

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Die adäquate Gesprächsform gibt dem Coach entweder eine fragende oder eine rekapitiulierende (spiegelnde) Rolle. Aktive Mitgestaltung heißt – streng genommen – Manipulation. Hinzu kommt die Vermittlung und individualisierte Anwendung von Methoden. Es sollte sich dabei eindeutig um Methoden im Sinne von Techniken – keinesfalls jedoch um ganze Gedankenkonzepte handeln – denn diese sind nach meiner Auffassung grundsätzlich manipulativ. Bei näherer Betrachtung enthalten sie eindeutige Positionen zu falsch/richtig, förderlich/hinderlich etc.. Methoden wie die Verwendung einer konzepteigenen Terminologie (NLP), Übungen mit hohem Wiederholungsgrad (Silva), Überschreitung persönlicher Respektgrenzen (bei den sogenannten Motivations-Stars), Aufforderung zur emotionalen Widerstandslosigkeit oder Benennung eines Widerstandes (psychoanalytische Methoden) etc. verstärken den manipulativen Effekt noch.

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Die Indoktrinierung als besondere Art der Manipulation geht nicht selten einher mit der Vorwegnahme der Beratungs-/Trainingsergebnisse. Es müssen nicht einmal die Versprechungen oder die Ankündigungen von (Negativ-)konsequenzen sein, die den Coachee in eine vorbestimmte Richtung führen. Das bloße Aufzeigen von Konsequenzen oder die Ankündigung eines bestimmten Beratungsergebnisses können den individuellen Gestaltungsraum des Coachees bereits derart eingrenzen, dass er wieder an seinem ureigenen Lösungsweg vorbei übt und stattdessen – zur Aufrechterhaltung einer nicht-authentischen Lösung – auf den weiteren „Input“ seines Coaches angewiesen ist. Die neueren Motivationsmethoden – und hierzu zähle ich auch NLP – tendieren zu einer allzu raschen Zielfokussierung. Dabei können der Aspekt der Authentizität übersehen und Lösungen angestrebt werden, die in Krisen keinen Rückhalt in der Person des Trägers finden.

  www.ThiesStahl.de                   26.05.2004