Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, mich noch einmal intensiv mit dem NLP-Konzept der Meta-Programme auseinanderzusetzen. Ich wurde von Wilma Pokorny-van Lochem vom Institut Synergie eingeladen, an einem Mini-Kongress über Meta-Programme und die Metaprofilanalyse mitzuwirken.
Die Metaprofilanalyse ist ein vom Niederländer Jaap Hollander (IEP, Nimwegen) entwickelter, computergestützter Fragebogen zur Erfassung von Denkstilen (Meta-Programmen), den Wilma in Deutschland exklusiv vertreibt. Mit einem Anwendertag am 11.05.04 hat das Institut Synergie ein Jahr Metaprofilanalyse in Deutschland zelebriert und zusätzlich zu Jaap auch mich eingeladen, um meine Variante einer prozess- und entwicklungsorientierten individuellen Arbeit mit Meta-Programmen zu demonstrieren.
Das war insofern spannend, als dass ich Wilma schon bei der Verabredung zu diesem Tag sehr deutlich gesagt habe, dass ich seit meinem Psychologiestudium vor 30 Jahren Fragebogen hasse und der Verwendung von Meta-Programmen als Diagnose-Instrument, z.B. im Assessment und Recruitment, sehr kritisch gegenüberstehe: NLP sollte zur Auflösung von Diagnosen, Etikettierungen und Stigmatisierungen beitragen und niemals zu ihrer Verfestigung oder gar Neuentstehung. Das sei ihr bewusst, sagte Wilma, und sie wolle gerne diese Position an diesem Tag vertreten wissen - und zwar durch mich.
In der Vorbereitung habe ich mich von der Software befragen lassen, zu meinen Meta-Programmen im Kontext "Teaching" (nach einem Vorschlag von Wilma, die sich für meine Meta-Programme in diesem Kontext interessierte). Es kam natürlich so, wie es kommen musste: Ich habe das Programm in die Ecke geworfen, weil es von mir verlangte, Fragen zu beantworten, mit deren Präsuppositionen ich nicht einverstanden war, und darüber hinaus noch, dass ich mich auf eine der von mir allesamt als völlig unpassend erlebten Antworten festlegen sollte. Außerdem stellte es mir keine Ankreuzmöglichkeit zur Verfügung, um dem Programm die Unangemessenheit der Frage und der vorgegebenen Antworten mitzuteilen.
Als ich später mit Jaap darüber sprach, meinte er, der Frageboden könnte ja auch Intelligenz testen, nämlich die Intelligenz, von dem in der Frage (per Implikate und Kontext) transportierten Inhalt abzusehen und sich auf den eigenen Kontext zu fokussieren. Danke für das Kompliment, meinte ich, und dass ich fände, er würde dann schon eher so etwas messen wie das Aushalten von den kleinen Vergewaltigungen in alltäglichen Kommunikationssituationen, in denen gegebene Machtstrukturen keine Meta-Kommunikation über Präsuppositionen erlauben. (Wie im Konzept schizophrenogener Kommunikation von Bateson, in denen in paradoxen Kommunikationssituationen die Möglichkeit, über die Kommunikation zu kommunizieren, nicht gegeben ist, würde der Fragebogen es auch nicht zulassen, mit seinem Autor "meta" zu kommunizieren - wobei deutlich würde, dass so ein Fragebogen alles andere sei als ein Beispiel für gewaltfreie Kommunikation.)
So richtig weitergekommen sind wir an diesen Punkt aus Zeitgründen nicht. Interessant waren aber die Ausführungen von Jaap in einer kleinen Runde über die Validitätsüberprüfung und über Kritikpunkte an der gegenwärtigen Version der Metaprofilanalyse, die in der neuen Version der Software berücksichtig werden sollen. Da diese kritischen Punkte genau die waren, auf die sich auch meine Einwände bezogen, bin ich neugierig auf die Version 6, die in naher Zukunft erscheinen soll.
Meine Anregungen, wie man syntaktischer fragen könnte, so dass durch die Fragen kein unnötig verfälschender Inhalt in die Ergebnisse getragen wird, fanden in dieser Gruppe Gehör. Z.B. schlug ich vor, die alte T.O.T.E. aus den 60er Jahren (von Miller, Galanter und Pribram) als Grundlage für die Befragung zu nehmen.

Dieses Schema ist insofern geeignet, weil es kanonisch ist, d.h. jeder Mensch durchläuft es in jedem Kontext: Immer gibt es ein (implizites oder explizites) Ziel, Tests (bewusste oder unbewusste Vergleiche zwischen Ist- und Soll-Zustand) und (bewusste oder unbewusste) Operationen. Der Klient könnte während der Befragung auf eine Abbildung der T.O.T.E. schauen, wie auf einen tranceinduzierenden Klecks im Rorschach-Text, und dadurch inhaltlich ganz bei sich und seinem Kontext bleiben (wie das bei meinem Vorgehen in der Einzelarbeit mit Meta-Programmen und Zielen im Wesentlichen auch der Fall ist).
Zusätzlich habe ich vorgeschlagen, neben der Benutzung eines solchen kanonischen (= inhaltsfreien, syntaktischen) Schemas in der Software mehrere Beispiele zu benutzen, z.B. mit drei von solchen Metaphoriken zu arbeiten, wie Jaap sie im Fragebogen oft einzeln nutzt, wie z.B. "Wenn Dein Kontext ... eine Reise wäre, was wäre dann....?" Wenn man drei nehmen würde, die möglichst unterschiedlich sind, könnte man dadurch den inhaltlichen Einfluss minimieren, ganz ähnlich wie Matthias Varga von Kibéd das "Aspirin"-Zitat von Steve de Shazer, "Wenn Du eine Interpretation hast, setze Dich in eine Ecke, nimm' ein Aspirin und warte, bis der Anfall vorbei ist", abgewandelt hat in "...dann verdünne sie mit drei weiteren Interpretationen, die Du mindestens genauso gut, angebracht, erfreulich oder sogar so genial etc. findest wie Deine erste!"
Der Tag war sehr anregend. Jaap und ich machten jeweils zwei Demonstrationen vor der Gruppen (50 Leute waren gekommen). Jaap demonstrierte als Erweiterung der NLP-Kompetenz
"Symbolic modelling", ein Vorgehen, das Penny Tompkins and James Lawley (London) auf der Basis eines Modellings mit David Grove (USA) entwickelt haben, in dem mit spontanen Metaphern der Klienten gearbeitet und dabei eine syntaktische, semantisch reine Sprache benutzt (‘clean language’) wird, und
"Provokatives Coaching", eine Anwendung der Prinzipien von Frank Farrelly auf die Coaching-Interaktion (hierzu gibt es, nebenbei bemerkt, demnächst ein Buch meiner Kollegin Martina Schmidt-Tanger, die diesen Ansatz auch sehr überzeugend vertritt)
Meine Demonstrationen bezogen sich auf
"Balancieren von Meta-Programmen" eine trancenutzende, inhaltsfreie Prozessarbeit zur Erzeugung varianter, widerstandsfähiger Zielrepräsentationen und zur Weitung des Ziel- und Ressourcen-Raumes (hier eine Beschreibung dieses Vorgehens)
"Systemische Strukturaufstellungen", in diesem Fall eine "Aufstellung des ausgeblendeten Themas", einer Aufstellungsform, die helfen kann zu verhindern, dass bestehende limitierende Glaubenssätze durch Meta-Programm-Diagnosen verstärkt werden. Wir haben gestellt: "Die mit dem Meta-Programm Option-Prozedur verbundene Befürchtung in Bezug auf die eigene Kreativität" als Vordergrund-Thema und "Das, worum es auch noch geht" als Hintergrund-Thema.
Ich werde mit Wilma und Jaap über die Weiterentwicklung ihrer Metaprofilanalyse im Kontakt bleiben. Gut finde ich, dass sie mich als 'advocatus diabolus' eingeladen haben und auch, dass sie sich der Kritik an einer diagnostisch zuordnenden und dadurch wahrscheinlich zwangsläufig einengenden Anwendung des Konzeptes der Meta-Programme stellen. Wilma weist darauf hin, dass sie das Metaprofil nicht als starre Diagnose betrachtet und verwendet. So würde sie in ihrer Arbeit, z.B. auch bei BMW Niederlande, das Profil nutzen, um herauszufinden, wo genau der Betreffende Unterstützung benötigt - das Assessment dort hätte ja eine maßgeschneiderte Qualifikationsempfehlung zum Ziel. Und oft, meint sie, sei es auch so, dass bestimmte Hinweise aus dem Profil zu bestimmten Coaching-Themen führten, die vielleicht sonst gar nicht so schnell und so deutlich geworden wären. Z.B. hätte sie in vielen Profilen sehr hohe Werte für "Zukunft" gesehen und in Gesprächen mit den Betreffenden dann oft herausgefunden, dass der hohe Wert oft ein Indikator für die Notwendigkeit eines Coachings zum Thema "Umgang mit Zeit" und "zeitliche Überlastung" ist.
Ich sehe auch, dass man dieses Instrument als Einstieg verwenden kann, um in individuellen Sitzungen dem Betreffenden zu helfen, seine Meta-Programme besser zu balancieren und dadurch seine Optionen zu erweitern. Zumindest kann man das, wenn es keine Artefakte durch unangemessen leadende Fragen und Bilder gibt, d.h. wenn man noch syntaktischere Fragen und Bilder finden kann (ich bin gespannt auf die Version 6).
Für das Coaching meine ich, dass das Vorgehen des prozessorientierten Balancierens der Meta-Programme den Vorteil hat, dass der Prozess des Befragens schon von der ersten Sekunde an erweiternde Wirkungen auf den Betreffenden hat und sich die Metaprofilanalyse deshalb hier erübrigt.
Das wurde in meiner Demonstration am Beispiel des Kontextes deutlich. Mein Klient wollte in einem Akquisitionskontext seine Meta-Programm variabler nutzen können. Der Kontext war eine 1:1-Situation. Ich konnte ihn für die ersten Fragen nach den Meta-Programmen dadurch konstant halten, dass ich meine (kataleptische) Hand als visuellen Anker dorthin hielt, wo das Gesicht seines Gegenübers zu vermuten war. Nach den durch die ersten Balancierungen für den Klienten neu verfügbaren Ressourcen wechselte er spontan den Kontext, indem er plötzlich mich so anschaute, als sei ich das Gegenüber in diesem Akquisitionskontextes.
Solche spontanen Kontextwechsel kann der Computer nicht erkennen (wir witzelten in mit Jaap darüber, dass seine Software erkennen können müsste, wenn der Proband innerlich den Kontakt mit seinem relevanten Kontext verliert und ich erinnerte daran, dass Robert Dilts einmal eine Software programmiert hatte, die, vermittelt über die Abweichungen und über die Beschleunigungs-Brems-Muster des Führens des Mauszeigers diagonal über den Bildschirm erkennen konnte, in welchen Zustande der Klient gerade war).
Dieser Kontextwechsel meines Klienten war gleichzeitig ein Ausprobieren seiner kurz zuvor neu dazu gewonnenen Ressourcen (der Berater ist immer der erste, an dem der Klient neue Ressourcen austestet) und wir konnten ihn gleich für die nächsten Balancierungen (nun in diesem "Nachbar"-Kontext) utilisieren. Nach weiteren, physiologisch sichtbar neu hinzu gekommenen Ressourcen wechselte mein Klient noch einmal spontan den Kontext und wandte sich nun (beim Beantworten der Fragen) an das ganze Auditorium, so dass wir die nächsten Meta-Programme in diesem dritten Kontext balancieren konnten (hier eine Beschreibung dieses Vorgehens). Diese Kontextverschiebungen (in diesem Fall war es wohl eine Art automatischer Anpassung des Schwierigkeitsgrades der Akquisitionssituation) hätte die Software im günstigen Fall nicht nur nicht wahrgenommen und deshalb auch nicht nutzen können, sondern sie wäre vielleicht ein Anlass für das Entstehen von Artefakten oder zumindest von Ungenauigkeiten geworden.
Bei einem Assessment mit 350 Probanden kann ich allerdings einsehen, dass die Zeit für eine intensive Einzelarbeit nicht gegeben ist und es Sinn macht, den Computer die Fragen stellen zu lassen. Vor allem, wenn die Korrelation zwischen den Werten in der Metaprofilanalyse und den tatsächlich verkauften Autos (oder - in einem von Wilma auch erwähnten Call-Center-Fluktuations-Projekt - dem Wunsch, im Job zu bleiben) so hoch ist, wie am Anwendertag berichtet. Dann ist sein Einsatz durch eine hohe Vorhersagegenauigkeit gerechtfertigt. Zumindest, wenn den Probanden deutlich gemacht wird, dass sie nicht "Hin-Zu" oder "Matcher" etc. sind, wenn sie bezogen auf den abgefragten Kontext in diesen Meta-Programmen hohe Werte haben: "Etikettierungs-Prophylaxe" ist dann sicher wichtig. Oder eine Empfehlung für ein Coaching, um solche reifizierenden Zuschreibungen wieder zu denominalisieren und zu verhindern, dass eventuell bestehende limitierende Glaubenssätze verstärkt werden.
Ich werde mich weiter mit diesen Fragen auseinandersetzen und hier darüber berichten - oder in einem meiner Seminare... :-)
Witzig fand ich jedenfalls eine eher informelle Situation abends, als ich mit Jaap und Wilma über syntaktisches und semantisches Vorgehen sinnierte. Nach dem Hinweis von Jaap, dass der Ausdruck "clean language" ja präsupponieren würde, dass wir eine "dirty language" benutzen würden, kam mir eine Idee, worin ein großer Vorteil semantischen (interpretierenden, deutenden) Vorgehen liegen kann - nachdem ich mich über Jahre sehr für maximal syntaktisches, inhaltsabstinentes Vorgehen eingesetzt habe, also für einen möglichst umfassenden Schutz des Klienten vor unzulässiger inhaltlicher Einmischung des Therapeuten: Semantisches Vorgehen sorgt für eine Stärkung der Immunkraft! Nach dem Motto: Deutungen, Interpretationen oder auch Diagnosen (Etikettierungen, Zuschreibungen), die den Klienten nicht in die Flucht treiben, können ihn widerstandsfähiger machen und seine Abwehrkräfte steigern. Vielleicht gibt es sogar eine nützliche Verwendung für diese "Immunkraft-Hypothese", ganz weggeworfen habe ich sie vorsichtshalber noch nicht...
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