News Startseite Anmerkungen (Überblick)
Der Spontan-Streik der Athener Flugsicherheit hat uns (meiner Frau, meiner Schwiegermutter und mir) am ersten Seminartag wundersamerweise einen guten Platz ziemlich weit vorne im zu kleinen und überfüllten Seminarraum beschert (...etwas zum Schmunzeln). Am zweiten und dritten Tag haben wir durch (sehr!) frühzeitiges morgendliches Erscheinen selbst für einen solchen gesorgt. Da ich die Aufstellungsarbeit von Bert Hellinger nur aus seinen Büchern und Videos kannte, war das ein glücklicher Umstand. Zwischen einem Hellinger-Video und einer tatsächlichen Teilnahme in seinem Seminar besteht, wie ich nun weiß, ein ähnlicher Unterschied wie zwischen einem Videomitschnitt einer Band oder derem Live-Auftritt in einem kleinen Club....
Eine der Arbeiten, die ich am Freitag gesehen habe, war für mich nicht nachvollziehbar. Mir war unklar, wieso er über die noch neben ihm sitzende Klientin, zum Publikum und zu den Veranstaltern gewandt, sagte, sie sei suizidgefährdet. Er meinte, er hätte Hinweise dafür in ihrem Verhalten ("So lächelt nur jemand, der suizidgefährdet ist") und auch aus der Aufstellung selbst. Damit meinte er irgendwie die Weise, in der sich die Klientin auf die von Hellinger auf dem Boden "ausgelegte" unbenannte Tote bezogen hatte, bzw. auch den Nicht-Kontakt zu ihrem vierjährigen Kind in der Aufstellung). Ich konnte weder an der Physiologie der Klienten, als sie wieder auf ihren Platz ging, noch in meiner Vorstellung Hinweise oder Denkmöglichkeiten dafür finden, dass dieses "Nicht-mit-ihr-über-diese-Hypothese"-Reden und dieses konsequente "Innerhalb-dieser-These-über-sie"-Reden für sie irgendwie nützlich oder heilsam gewirkt haben könnte.
Insgesamt aber fand ich das Vorgehen von Bert Hellinger sehr beeindruckend und vor allem über weite Strecken viel prozessorientierter und viel weniger inhaltlich gedeutet, als ich es nach den Videos und den Büchern erwartet hätte. Im Nach herein und auch nach dieser Life-Erfahrung in seinem Seminar (in dem ich auch als Repräsentant in einer der Aufstellungen gestanden bin), meine ich, dass diese deutliche Prozesshaftigkeit seiner Arbeit auf den Videos nicht so zu erkennen ist - am ehesten noch in den "Bewegungen der Seele".
Während der Tage in Athen und danach bemerkte ich eine interessante Wendung in meinem Denken über die Aufstellungsarbeit. Statt mich, wie ich es bevorzugt getan habe, damit auseinander zu setzen, wie es wohl kommt, dass das Feld ein "wissendes" ist, also erstaunlich viel aus dem darzustellenden System in das Repräsentanten-System hinein abgebildet wird, habe ich jetzt die Aufstellungsarbeit mehr innerhalb der Metapher des griechischen, kathartischen Theaters wahrgenommen. Dadurch lag der Fokus mehr auf der Frage: Wie muss die Atmosphäre in einer Gruppe sein, damit die Repräsentanten in sich das entstehen lassen und dem Klienten für seine Verarbeitungs-Trance anbieten können, was dann in ihm heilsam wirken kann? Oder anderes gefragt: Was kann der Aufstellungsgastgeber dazu beitragen, dass das, was Hellinger die große Seele nennt, das große Ganze, das Unbekannte (was man vielleicht ja auch Gott, das Seelenheil, die heile Seele, das Heil, die Ganzheit, etc. nennen könnte) sich, vermittelt über die Repräsentanten und ihre unbewussten Impulse und ( autonom- kongruenten) Bewegungen, so zu zeigen vermag, dass es im Klienten neue Sicht- und Erlebnisweisen erzeugen kann? Welche korrigierenden Eingriffe von seiner Seite sind notwendig oder hinreichend, um es den Repräsentanten zu ermöglichen, aus der normalen, ich-bezogenen, wachbewussten Daseins- und Denkart heraus zu kommen und sich ihren Impulsen und Bewegungen ganz hingeben zu können?
Nach dem recht nahen Miterleben der Aufstellungen hatte ich den Eindruck, dass Hellinger bei solchen "Seelenbewegungsaufstellungen" immer nur dann eingriff, wenn er (bzw. eben ich) den Eindruck hatte, dass entweder die individuellen Bewegungen ihre Natürlichkeit, Kongruenz, Unvermitteltheit, Anmut verloren haben, oder wenn sie irgendwie aus der systemischen Choreographie heraus gefallen waren, aus einer Bezogenheit der Bewegungen und Impulse innerhalb der Gruppe der Repräsentanten. Es kam mir so vor, als wenn Hellinger darauf am meisten achtete, mehr als zum Beispiel auf die Reaktionen der Klienten auf die Aufstellung.
Ein Beispiel für solche kargen Interventionen war eine Aufstellung, in der, so kommt es mir zumindest im Nachhinein vor, sein einziger Eingriff am Ende der sich gewissermaßen autonom entwickelnden Aufstellung in der kurzen Aufforderung an den Mann/Vater und dessen zweiten Frau bestand, selbst zu der in heftigen, zuckenden Bewegungen am Boden liegenden, im Kindbett gestorbenen ersten Frau des Mannes zu schauen - und das nicht der Tochter der zweiten Frau zu überlassen, die als einzige Person erkennbar um die erste Frau trauerte
.Obwohl Hellinger sich in der Regel distanziert zu den christlichen Kirchen äußert, hatte ich in Athen doch den Eindruck, dass sein Amt im Aufstellungsseminar dem eines Priester nicht unähnlich ist - auf für mich überraschend angenehme Weise. Auch sonst hatte ich im Seminar oft, und in angenehmer Weise, die Anmutung eines Gottesdienstes. Das war besonders der Fall in den schweigenden Sammlungsphasen vor der "eigentlichen" Arbeit, in denen Hellinger neben seinem Klienten oder seiner Klientin saß.
In einem Fall saß er über viele Minuten neben einer Klientin - es kam mir genau solange vor, wie eine gute kurze Arbeit (mit verbalem Austausch) gedauert hätte. Irgendwann war es dann klar zwischen ihnen, dass die "Arbeit" nun zu Ende war und Hellinger entließ sie in einem sehr aufgeräumtem Zustand - nach allen mir im NLP wichtigen physiologischen Prozess-Kriterien versöhnt und eindeutig ressourcevoller, als am Anfang dieser Sitzung.
Sein Seminar insgesamt kam mir wie eine Zeremonie vor, in der ohne viele, und vor allem, ohne überflüssige Worte sehr gesammelt für den Klienten die Tür zum Gesamt-Unbewussten, zur Gruppenseele oder zur großen Seele, oder wie immer man das nennen möchte, geöffnet wird, und dieser dann, vermittelt über die Repräsentanten, eine gute Portion Anschluss an eine Weisheit erhält, die höher ist als alle klug gemeinten Dinge, die Einzelindividuen, Gruppierungen oder auch Aufstellungsleiter dazu sagen könnten...
So weit in aller Kürze. Ich werde versuchen, es einzurichten, in der nächsten Zeit noch einmal zu Hellinger ins Seminar zu gehen - und diesen Text dann vielleicht zu ergänzen.
News Startseite Anmerkungen (Überblick)
www.ThiesStahl.de im Oktober 2002