Interdisziplinäre oder berufsgruppen-homogene NLP-Gruppen

Vor kurzem hatte ich in einem Interview mit einen Redakteur einer Management- und Weiterbildungszeitschrift Gelegenheit, noch einmal neu über die Frage der Aufteilung von Business und Classic Practitioner nachzudenken. Eine kurze Zusammenfassung meiner Gedanken.

Hier der entsprechende Artikel

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Ich hatte diesem Gespräch zunächst sehr eindeutig Stellung bezogen - entsprechend meiner langjährigen Einstellung und Praxis: Seit Beginn der Diskussion darüber, ob es neben der tradierten, sprich interdisziplinären und multikulturellen NLP-Ausbildung (meist "Classic Practitioner" genannt) ein spezielles Ausbildungscurriculum für Menschen aus der Wirtschaft ("Business Practitioner") geben sollte, habe ich mich immer sehr entschieden für den interdisziplinären Modus ausgesprochen. Ich fand es besser, wenn die Angehörigen der nicht-therapeutischen Berufe keine "abgespeckte", "vorgekaute oder -verdaute" Version der NLP-Interventionen (kennen)lernen, sondern wenn sie sich das NLP in seiner vollen Bandbreite, Tiefe und Intensität aneignen. Danach, so meine jahrzehntelange Überzeugung, sollten sie die Vorgehensweisen selbstständig "(re)kontextualisieren", d.h.diese gegebenenfalls aus dem eher therapeutisch-beratenden "Anfangs-Kontext" des NLP an die eigenen speziellen Arbeits-, Beratungs- und Kommunikationskontexte anpassen. Ich war immer dafür, dass ihnen diese Einpassungs-Arbeit keiner abnehmen sollte - ein kleines Umsetzungs-Coaching hier und da ausgenommen.

 Dahinter lag die Metaphorik "Auflösung von Abbildungen" - und natürlich auch meine Geschichte als "NLP-Götterbote", als der ich mich lange aufgefasst hatte und dessen wichtigste Verantwortung es ja war, die kostbaren Informationen, damals und heute NLP genannt, möglichst pur, d.h. in höchster Abbildungsgenauigkeit, mit allen verhaltensmäßigen und begrifflichen Original-Details, -Metaphoriken, -Bedeutungsnuancen und -Anspielungen zu überbringen. Wie hätte ich da zustimmen können, als dann, nach Jahren des Trainierens in diesem Sinn, nun andere Trainer anfingen, deren Gehalt und innere Struktur für den Lernenden nach deren eigenen Kriterien und vermeintlichen Un- bzw. Wichtigkeiten umzusortieren, zu priorisieren, zusammenzufassen (generalisieren) und "auszudünnen" (tilgen)!

Und das bis zu einem Punkt, an dem das Projekt - das Gesamt-Modell NLP - im Zuge von Radikal-Operationen sogar von historisch wichtigen und für seinen inneren Zusammenhang zentralen Teilen "befreit" wurde. Als Beispiele lassen sich hier elaboriertere Techniken wie das Six-Step-Reframing, die Phobie- (oder Allergie-)Technik, aber auch Elementar-Interventionen wie das kinästhetische Ankern aufführen - unverzichtbare Trainingschancen für exzellente Kalibrierungsfähigkeiten und für hochflexible Antwortmöglichkeiten (responsibility) des verantwortlich tätigen, professionellen Kommunikators. Sie sind "Hand"-Werkszeug, Basisfähigkeiten in Bezug auf die Gestaltung von arbeitsfähigen Beziehungen in der professionellen Kommunikation.  (Was für ein Verlust, sich auf nicht-kinästhetische Anker zu beschränken! Er wird auch nicht geringer, wenn er begründet wird mit der rechtlichen Situation von professionellen Kommunikatoren, die nicht als Psychologen approbiert oder als Arzt oder Heilpraktiker bestallt sind. In meinen Seminaren wird kinästhetisches Ankern ausgibig trainiert, in Kombination mit hypnotischer Zeitverzerrung und beiläufig-unterschwelliger "öko-checkender" Erlaubnisabfrage - sowohl für die "berührungssensitiven" Business-Kommunikationskontexte als auch für die therapeutisch-beraterischen. In beiden Kontexten natürlich mit Stimulus-Alternativen in den anderen Sinneskanälen.)

Ich, der ich doch das Glück hatte, das NLP "in hoher Auflösung", als "Original-Kopie" bei seinen Begründern bzw. auch (als "Vorahnung") bei einer seiner Ahnen, Virginia Satir, kennenzulernen - ich konnte es einfach nicht akzeptabel finden, dass bei seiner Vermittlung in Kauf genommen werden sollte, dass die resultierende Abbildung, also das, was beim NLP-Trainee ankommt, von solchen drastischen Einschnitten und Verkürzungen, sprich: Tilgungen und Verzerrungen, bestimmt sein sollte. Und das schon so früh in der Kette der Überbringer, zusätzlich zu den unvermeidbaren Abbildungsverlusten, die durch die persönlichen Eigenheiten, Begrenztheiten und kreativen Transformations- und Interpretationsprozesse der einzelnen Vermittler entstehen.

 "Gehen Sie doch zu Stahl, der nimmt jede Hausfrau"

Hinzu kam, dass ich die interdisziplinären und multikulturellen NLP-Gruppen für sehr anregend hielt und gegen reine Therapeuten- und Manager-Gruppen nicht gerne eingetauscht hätte. ("Gehen Sie doch zu Stahl ins NLP, der nimmt jede Hausfrau", wurde mir einmal als Zitat von Kollegen zugetragen, die in Ericksonscher Hypnose ausbilden - in Seminaren, zu denen nur diplomierte Psychologen oder psychotherapierende Ärzte Zutritt haben. Mitte der 70er-Jahre habe ich in der Ausbildung von Gesprächspsychotherapeuten mitgewirkt und dabei die durchaus auch gut beforschte Einsicht gewonnen, dass "Laientherapeuten" ebenso effektiv sind wie solche mit einem Psychologie- oder Medizinstudium.)

Nach meiner Erfahrung fehlt in der Atmosphäre von  jeweils reinen Therapeuten-/Helfer- und Managerfortbildungsgruppen etwas, was in interdisziplinären Gruppen in höchstem Ausmaß vorhanden ist: Eine lebendige Lernatmosphäre, die aufgrund ihrer "kreuzbefruchtenden" Struktur mehr ist als Summe und Resultat der jeweiligen speziellen Lernstärken -und Modi der separierten Gruppen. Dass das so ist, hat nach meiner Einschätzung mit einem Prozess zu tun, der in interdisziplinären Gruppen quasi "von allein" stattfindet, nämlcih mit dem Abbau gegenseitiger Feindbilder. Die an Anfang einer solgen Gruppe Festhalten an den Feinbildern z.B der "süßlich-sülzenden Helfer" und der "technikorientierten kalten Macher" gebundene Energie wird mit zunehmender Auflösung der ensprechenden Projektionen frei und steht in der Gruppe als pure Lern-Energie zur Verfügung. (Die Bereitschaft und die Fähigkeit, Unterschiedlichkeit zu würdigen und zum gegenseitigen Wohl als Ressource zu nutzen, wie Virginia Satir sie vorgelebt hat, ist aus meiner Sicht eine der den Grundannahmen des NLP zugrundeliegenden Grundannahmen).

Als Resultat dieser Besonderheit, davon war ich immer überzeugt, ist in "bunten" Gruppen die Verständnistiefe für die einzelnen NLP-Muster und damit auch der Lern-Transfer in die jeweils eigenen Anwendungskontexte größer ist als in den eher "eindimensionalen", homogenen Gruppen. Und aufgrund der mit der interdisziplinären Zusammensetzung einhergehenden Vielfalt der speziellen Anwendungsfelder ist das Durcharbeiten der NLP-Interventionen vielleicht für den einen oder anderen stellenweise etwas mühsamer, führt aber zu einer "multi-perspektivischeren", "holographischeren" inneren Landkarte des NLP - und damit auch zu einer höher ausdifferenzierten, robusteren Anwendungskompetenz.

Das Eine, das Andere - oder Beides

Im oben erwähnten Interview nun kam der Journalist nach diesen Ausführungen von mir auf die gute Idee, mich zu fragen, welches Argument es denn aus meiner Sicht für einen Business Practitioner geben könnte.

Ich meinte daraufhin, als legitimes Argument käme für mich nur die jeweilige Befindlichkeit des Trainers in Frage, denn es gäbe keine Untersuchungen, die eine unterschiedliche Wirksamkeit von berufsgruppen-homogenisierten im Gegensatz zu interdisziplinären Practitioner-Trainings aufzeigten. Wenn es sie gäbe, müssten sie ein höchst komplexes Design haben, denn es ginge ja um zwei sehr unterschiedliche Lernerfahrungen und um eine enorm schwierige Erfolgsmessung. Da man also von den Trainees her nicht argumentieren könnte, bliebe als Grundlage für eine Argumentation nur die Kongruenz des Trainer. Ich zum Beispiel könnte "homogenisierte" Gruppen nicht so gut anleiten, weil ich dazu keine Lust hätte. Ein anderer Trainer, der z.B. zutiefst davon überzeugt ist, bestimmte Erfahrungen mit dem NLP seien nur Ballast für Teilnehmer aus der Wirtschaft, stünde dann viel kongruenter vor einer solchen Gruppe und könne ihr dadurch ein weitaus lernförderlicherer Kontext sein als ich.

Also wäre es am seriösesten, wenn der jeweilige Trainer sagte: "Ich glaube, hetero- bzw. homogene Gruppen sind besser, weil mir der jeweilige Glaube gut tut, denn er hat die Auswirkung, dass ich lieber vor der Gruppe stehe und auch besser bin. Er steht mir gut. Und weil das so ist, ist es auch für (meine!) Gruppen besser, wenn sie entweder interdisziplinär bzw. "homogenisiert" sind."

An dieser Stelle im Gespräch wurde mir (endlich!) klar, dass wir mitten in einem Tetralemma-Prozess waren, einer aus der indischen Logik stammenden Denweise zum fruchtbaren Umgang mit Dilemmata aller Art (2). Das Eine (interdisziplinäre Gruppen), das Andere ("homogenisierte" Gruppen) und nun Beides (beides ist gut, abhängig vom Modus, in dem sich der Trainer besser bewegt und demzufolge lernanregender ist). Die Möglichkeit, ein Beides denken zu können, habe ich nach all den Jahren, in denen es mit meinen entsprechenden Gesprächspartnern für mich eher um den "richtigen", einen Weg ging, als sehr erleichternd empfunden.

Aber was sei mit dem Bedürfnis der Kunden, wandte der Journalist ein, könnte man nicht von dem her argumentieren? Nein, das könne man deshalb nicht, meinte ich, weil der Trainer das Bedürfnis der Kunden genauso wenig unabhängig von seiner eigenen Bevorzugung einschätzen könne (Heisenberg-Effekt) wie deren möglichen Lernerfolge in dem einen oder dem anderen Modus. Die Kunden werden wahrscheinlich seiner Argumentation darüber folgen, welches Bedürfnis sie "wohl lieber" haben sollten - entweder, weil der Kontakt über Medien angebahnt wurde, in denen die betreffende Grundposition des Trainers sowieso schon deutlich geworden war (z.B. Artikel, Bücher, Internet), und/oder weil der Kunde aufgrund der Kongruenz (Glaubwürdigkeit, Ausstrahlung) des Trainers sehr schnell "einsieht", dass er nun entweder "mit tieferem Verständnis und größerem Transfer" lernen könnte oder eben "berufsgruppen-zugeschnitten, zeitökonomischer und ballastfreier".

So ganz mochte sich mein Gesprächspartner nicht mit der Idee einer solchen "Kundenqualifizierung" anfreunden, und ich habe darauf verzichtet, die Diskussion noch mit dem Hinweis darauf, dass ja auch die "Kunden" von Analytikern verschiedener Schulen auch die bevorzugten Traumarten dieser Schulen träumen, zu verkomplizieren.

Zusammen haben wir dann noch, weil es eben zum Tetralemma dazugehört, die Position "Keines von Beiden" exploriert, in der es ja immer um die Kontexte geht, in denen ein Dilemma entweder überhaupt eines geworden ist und in denen es zur Zeit Sinn macht, es (noch) zu haben, oder was dann dran wäre, wenn es überwunden sein wird.

Mir war sofort klar, dass diese Frage während der gesamten 80er Jahre überhaupt kein Thema war (ich hatte damals wie heute viele Leute aus der Wirtschaft - Führungskräfte, Trainer und Unternehmensberater aller Art, Projektleiter, Verkäufer - in meinen Seminaren, immer gut gemischt mit Therapeuten, Ärzten, Lehrern, Künstlern, Frauen am Übergang von "hauptsächlich Hausfrau und Mutter- und nun zurück ins berufliche Sein" etc.). Erst mit dem Engerwerden des Marktes, nachdem viele von mir und dann vor allem auch von den Amerikanern ausgebildete NLP-Trainer anfingen, auf dem deutschen Markt ihre Trainings anzubieten, wurde dieses Thema relevant ...

Zur fünften Nicht-Position des Tetralemmas ("All dies nicht und selbst das nicht") sind wir nicht gekommen  - wenn man außer acht lässt, dass wir, vor allem ich, nach dem Deutlichwerden von "Beides" und "Keines von Beiden" herzhaft gelacht haben - was man ja zumindest als ein kurzes Berühren der fünften Position auffassen kann.

Multikultureller Feindbild-Vaporisator

Der Leser könnte natürlich jetzt auf die Idee kommen, mich zu fragen, ob es denn bald einen reinen Business Practitioner bei mir gäbe. Nein, wäre die Antwort. Aber nicht, weil ich mich dann wieder über diejenigen erheben würde, die ihn anbieten (habe ich wohl doch all die Jahre ein bisschen gemacht ...), sondern weil ich das interdisziplinäre, multikulturelle Modell mit seinem eingebauten Feindbild-Vaporisator liebe. Es ermöglicht mir, großen Spaß am Trainieren zu haben und an einer Atmosphäre mitzuwirken, in der die Hausfrau von und mit dem Spitzenmanager lernt - und umgekehrt - sowie der promovierte Quantenphysiker von und mit dem Musiker.

Was mich als psychoanalytisch aufgeschlossenen Gesprächs-, Gestalt-, Familien und Hypnosetherapeuten damals wie heute am NLP fasziniert, ist seine Potenz, im babylonischen Sprachengewirr der (therapeutischen und Kommunikations-)Schulen zumindest im Ansatz eine Terminologie und Denkart anzubieten, die einen Dialog der insgesamt nicht gerade vorbildlich miteinander kommunizierenden Schulen fördern könnte. NLP ist von seinen Begründern explizit gedacht als eine Meta-Disziplin, eine Disziplin, die aus dem Studium anderen Disziplinen entstanden ist und weiterhin aus ihnen entstehen kann, die in andere Disziplinen hineinwirkt und sie bereichert - und den Austausch dieser anderen Disziplinen fördert.

Vor diesem Hintergrund halte ich heute übrigens auch die Gründung der "Deutsche Gesellschaft für Neurolinguistische Psychotherapie/DG-NLPt" für verfehlt, obwohl ich doch als Mitglied der Gründungsvorstände von DG-NLPt und DVNLP maßgeblich daran beteiligt war. Wenn die NLPler diese Meta-Position verlassen und nun als "Neurolinguistische Psychotherapeuten" anfangen, mit den Verhaltenstherapeuten, Analytikern, Geprächstherapeuten, Gestalttherapeuten, etc. konkurrieren, wie soll dann ein Modeler (so nannten sich die NLPler des Anfangs gerne), z.B. mit einem überdurchschnittlich erfolgreichen Psychoanalytiker oder Verhaltenstherapeuten ein Modelling-Projekt vereinbaren und durchführen? Vielleicht haben sie sich am Tag zuvor in irgendeinem Gremium darüber gestritten, wessen Behandlungsmethodik eher die Anerkennung der Fachkollegen und, vor allem, der Krankenkassen verdient.

Der Fortbestand des NLP als eigenständige Disziplin wird wohl unter anderem davon abhängen, ob es diesen "klassischen" Meta-Charakter behalten bzw. wiedererlangen kann. In interdisziplinären Gruppen fühlt sich dieser Geist des NLP, nach meiner Beobachtung, recht gut aufgehoben und hat wohl auch gute Entwicklungschancen. (Wird in der Zeitschrift MultiMind, Oktober 2002, abgedruckt.)

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03.09.02