aus "wirtschaft & weiterbildung", 10/Oktober 2003:
INTERVIEW. Der Hamburger Diplom-Psychologe Thies Stahl gilt der „Götterbote" des Neurolinguistischen Programmierens (NLP), weil er 1983 als Erster in Deutschland mit NLP-Ausbildungen startete. Stahl, der von Anfang an vor einem Missbrauch des NLP warnte („Der Traum von Macht und Manipulation ist eine Fiktion"- siehe unten), zieht in einem Interview mit „wirtschaft & weiterbildung" eine Bilanz von 20 Jahren NLP in Deutschland.
Dem NLP begegneten viele in der Vergangenheit mit großem Misstrauen. Was lief schief bei der Verbreitung dieser Methode?
Thies Stahl: Es gibt eine Entwicklung, die ich von Anfang an für ungut gehalten habe. Das ist die starke Vereinfachung des NLP. Einige behaupten zum Beispiel, sie könnten Dank NLP an den Augenbewegungen ihres Gegenübers ablesen, ob der gerade lüge oder nicht. Das ist völliger Quatsch.
Man kann an den Augenbewegungen ablesen, ob jemand ein Bild vor seinem geistigen Auge hat, das eher fotografisch erinnert ist oder ob eines, das eher „konstruiert" ist. Konstruiert heißt aber nicht automatisch oder notwendigerweise gelogen. Konstruiert heißt nur, dass viele visuelle, auditive und gefühlsmäßige Informationen kreativ in einer visuellen Vorstellung verdichtet sind. Häufig sind solche Erinnerungen sogar dichter an der Wahrheit, weil in ihnen verschiedene Aspekte der Wirklichkeit verarbeitet sind.
Gibt es noch andere Beispiele für Fehlentwicklungen?
Stahl: Ja, zum Beispiel die „Meta-Programme". Sie sind ursprünglich ein Konzept, mit dessen Hilfe man in der therapeutischen oder beratenden Interaktion etwas über die Programme erfahren kann, die Menschen benutzen, d.h. über ihrer Lern-, Entscheidungs- oder Motivationsstrategien und über deren Unbalanciertheiten in der Nutzung potentiell vorhandener Ressourcen. Sie eigenen sich, wie auch die Augenbewegungsmuster, hervorragend dafür, das professionelle Neugierigsein und die Erforschung von Möglichkeiten zu verfeinern, die mein Gegenüber hat, seine Ressourcen balancierter und umfassender einzusetzen.
Wenn Metaprogramme nun, wie ich es häufig höre, mehr oder
weniger explizit in gute oder schlechte Programme eingeteilt werden (man will
doch lieber proaktiv sein als reaktiv), dann fördern sie das, was Virginia
Satir das hierarchische Weltbild nannte. Von Virginia habe ich, mehr als von
allen meinen anderen Lehrern zusammen, einen weitestgehenden Verzicht auf „Du
bist so"-Zuschreibungen und klinisch-psychologische Diagnosen aller Art
übernommen. Vereinfachungen, Kategorisierungen und Etikettierungen töten den
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Geist des NLP. Er besteht für mich, seit 23 Jahren und ganz in dieser Tradition der Vermeidung von „Schubladen", in dem immer wieder neuen, konsequenten Versuch der Vermehrung der Wahlmöglichkeiten. Der eigenen und vor allem der meines Klienten. Was wäre dann das NLP in Ihrem Sinne? Stahl: Es ist ein kunstfertiges Mittel, um in professionellen Interaktionen neugierig-lebendig zu bleiben - und es immer wieder neu zu werden. Es ist eine Sammlung technischer Hilfsmittel, um immer wieder ins Staunen zu kommen, wie komplex und wunderbar Menschen sind in dem, wie sie sich organisieren. Es ist auf jeden Fall kein „Ich-weiß-was-Du-für-einer-bist"-Diagnoseinstrument, um die Entwicklungs-Chancen von Menschen und Beziehungen zu vermindern. |
Haben Sie sich mit solchen Fehlentwicklungen abgefunden?
Stahl: Ich habe schon 1983 und nicht ohne Schmerz akzeptiert, dass ich das NLP nicht „rein halten kann", d.h. das, was mir heilig am NLP ist. Gott sei Dank. So brauchte ich keine missionarischen Feldzüge gegen die zu führen, die nicht die Chance hatten, das NLP in der Weise kennen zu lernen, wie ich, der ich das Glück hatte, vor meiner Ausbildung bei Grinder und Bandler von Virginia Satir direkt zu lernen.
Im NLP gibt es den Glaubenssatz, man könne andere „pacen" und dann „leaden". Kein Wunder, dass alle Welt glaubt, NLP vermittle das Geheimwissen zum Manipulieren!
Stahl: Dieser Zusammenhang zwischen Pacing und Leading besteht dann, wenn pacen heißt, bereit zu sein, sich den Prozessen und dem So-Sein des anderen absolut unterzuordnen. Die Macht, den anderen zu führen, ist gleichbedeutend damit, ihm die Macht zu geben, mich zu leaden, wie ich ihn zu pacen habe, um seine Erlaubnis zu bekommen, ihn leaden zu dürfen. Das ist ein bisschen wie beim Tanzen: Sie führt ihn, und zwar so, dass er sie führen kann.
Den „Kredit", den ich von dem anderen bekomme, ihn „manipulieren" zu dürfen, entsteht aus meiner Verbeugung vor seinem So-Sein, aus meiner Bereitschaft, seine verbalen und nonverbalen Äußerungen in ihrer Komplexität wahrzunehmen, zu würdigen und konsequent zu nutzen. In meinen Seminaren gibt es z.B. keine einfachen Übungen zum Pacen oder Leaden, in denen man sich so hinsetzt und bewegt wie der andere um Rapport zu bekommen. Rapport ist ein Geschenk und ist von vornherein da. Man muss nur wahrnehmen lernen, wenn man ihn verloren hat. Man gefährdet ihn durch Angleichung in Haltung und Gesten eher, als dass man ihn fördert. Ich habe schon mal jemandem Prügel angedroht, der versuchte, meine Sitzhaltung und meinen Tonfall zu spiegeln. Es war jemand, der etwas von mir wollte und der meinte, er würde auf diese Weise schneller zu einen Kontakt zu mir und damit zu seinem Ziel kommen.
Eine Quelle von Missverständnissen könnte auch gewesen sein, dass es in Deutschland von Anfang an zwei NLP-Schulen gab. Was unterschied Ihren Ansatz von Gundel Kutschera, die etwa zeitgleich mit Ihnen mit der Verbreitung des NLP in Deutschland startete?
Stahl: Gundel kam von der kognitiven Verhaltenstherapie. Für sie war NLP wohl damals eher ein Weg, die Gefühle im therapeutischen Prozess mehr einzubeziehen. Und ich war Gesprächs- und Gestalttherapeut, als ich das NLP kennen lernte, kam also aus dem Bereich „Gefühls-Therapien". Ich genoss das NLP eher als Erweiterung in Richtung auf die Einbeziehung der in dem Bereich damals eher ausgeschlossenen Denkfähigkeiten (...es gibt einen Kopf neben dem Bauch!). Und so sind die damaligen unterschiedlichen Betonungen des Stahl’schen und Kutschera´schen NLP kein Wunder.
Interessant finde ich dabei, dass Gundel und ich damals jahrelang die einzigen NLP-Ausbilder in Deutschland waren – und die auch noch direkt von der Quelle kamen: Wie unterschiedlich muss dann das sein, was unter dem gleichen Kürzel NLP heute von Tausenden in Therapien, Coachings und Seminaren gemacht und vermittelt wird?! Es gibt natürlich nicht so etwas wie „das NLP". Es gibt so viele NLPs wie es Leute gibt, die das, was sie tun, mit diesem Kürzel bezeichnen.
Wo wird sich das NLP hinentwickeln?
Stahl: Das NLP wird sicher noch konsequenter systemisch werden, auch in der Selbstreflexion. Der ein System gänzlich außerhalb von sich selbst programmierend verändernde Kommunikationstechniker war immer schon eine Fiktion, eine Figur aus dem unter uns allen sehr verbreiteten Traum von Macht und Manipulation.
Heute haben Sie sich intensiv der Praxis der systemischen Organisationsaufstellung zugewandt. Was fasziniert Sie daran?
Stahl: Ich erlerne jetzt im vierten Ausbildungsjahr die Methode der Systemischen Strukturaufstellungen (SySt) nach Varga von Kibéd und Sparrer. Ich erlebe sie als eine hervorragende Erweiterung des Repertoires und des theoretischen Hintergrundes des NLP. SySt arbeitet weniger inhaltlich-deutend und etikettierend-festlegend als z.B. Aufstellungen in der Tradition Hellingers und sie ist, wie die ideale NLP-Praxis eben auch, hochgradig prozessorientiert und lässt die Hoheit über Inhalte und Bedeutungen maximal beim Klienten. Interview: Martin Pichler